Bäcker mit Laib und Seele
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Das versteinerte Brot und die Sonnenblumenkerne

Es lebten einmal zwei Schwestern in Dithmarschen, von denen hatte die eine reich geheiratet, war kinderlos, dafür mit allem beschenkt, was man sich nur wünschen konnte, doch sie war hartherzig und geizig vom Gemüte her.
Die andere Schwester hatte reichlich Kindersegen erlebt, aber ihr Mann war früh verstorben, sodass sie sich und die Kinder allein ernähren musste. Auch wenn sie stets guten Mutes war und ein großes Herz hatte, so war sie doch im Grunde bitterarm. Aber sie erzog ihre Kinder zu guten Menschen, pflegte ihre Kate und ihr kleines Gärtchen, in dem im Sommer immer reichlich Sonnenblumen blühten, deren Samen im Herbst die Vögel erfreuten.
Im Herbst eines Jahres wurde nun Dithmarschen von einem schlimmen Sturm heimgesucht, so dass sogar in die Stube das Wasser eindrang und ihre letzten Vorräte weggespült wurden.

Da war die Not so groß, dass sich die arme Schwester schweren Herzens zu ihrer reichen Schwester aufmachte, um sie um Hilfe zu bitten. Schwer war der Weg, denn sie wusste, wie kalt und hart ihre Schwester sein konnte. Dennoch klopfte sie entschlossen an deren Tür.
„Was willst du“, fragte die reiche Schwester, als sie nach dem Öffnen der Tür ihre Verwandte vor sich sah.
„Liebe Schwester, meine Not ist so groß. Ich habe nichts mehr, um mich und die Kinder zu ernähren. Hilf uns mit Brot oder Getreide aus, damit wir nicht verhungern!“
„Schau zu, wie du zurechtkommst, ich habe nichts zu verschenken“, erwiderte diese.
„Ich bitte dich noch einmal: Hilf mir! Schau, ich gebe dir diese Sonnenblumenkörner, damit du dich im nächsten Sommer an deren üppigen Blüte erfreuen kannst!“
„Was soll ich damit?“, sprach die Reiche und knallte ihrer Schwester die Tür vor der Nase zu.
Diese sank betrübt auf den Treppenstufen zusammen und weinte bitterlich.
In diesem Moment erklang eine dröhnende Stimme, die direkt aus dem Himmel zu kommen schien:
„Ihr Geiz und ihre Hartherzigkeit werden bestraft werden! Jedes Brot und jedes Korn, das sie berührt, wird zu Stein werden! Dir aber wird geholfen werden! Geh nur nach Hause und sei unbesorgt!“
Benommen machte sich die arme Schwester auf den Rückweg, während die reiche Schwester in ihrem Haus saß und die Worte, die sie auch gehört hatte, nicht wirklich ernst nahm.
Zu Hause angekommen, hatte sich nichts verändert. Und so saß sie mit ihren Kindern hungernd vor ihrem Haus und wollte gerade die Sonnenblumenkerne den Vögeln hinwerfen, als der Bäcker des Ortes des Weges kam.
„Gute Frau, was wollt ihr da den Vögeln vorwerfen?“, fragte Bäcker Kalle. „Ach, das sind die letzten Samen der Sonnenblumen, sollen die lieben Vögelchen damit glücklich werden, wenn ich es schon nicht bin!“, antwortete sie betrübt.
„Moment, ich habe da eine Idee, gib sie mir, schnell!“ Und die gute Schwester gab dem Bäcker die Kerne, der damit eiligst in seiner Backstube verschwand, während sie ihm verwundert nachsah.
Und schon am nächsten Tag kam er mit einem duftenden Brotlaib zu ihr zurück:
„Hier, für dich und deine Kinder! Deine Sonnenblumenkerne haben mich auf eine wunderbare Rezeptidee gebracht – ein saftiges Sauerteigbrot mit Roggen- und Weizenmehl … und Sonnenblumenkernen für ein nussiges Aroma. Probier!“
Und sie und ihre Kinder probierten und es schmeckte wie das Beste, was sie jemals gegessen hatten. „Herrlich! Danke dir, lieber Bäcker!“
„Ich habe zu danken“, erwiderte dieser, „und ab sofort bekommst du täglich Brot von mir, weil ich ohne dich nie auf die Idee mit dem neuen Sonnenblumenknust gekommen wäre“.

Und während nun die arme Schwester wieder unbeschwert mit ihren Kindern leben konnte, bekam die reiche Schwester ihre gerechte Strafe.
Denn noch am selben Abend sollte sich die Weissagung erfüllen. Als sie ihrem Mann das Abendbrot servieren wollte, wurde das Brot zu Stein. Und ebenso erging es mit allem anderen Brot und jedem Korn, in dessen Nähe sie nur kam.
Und so wurde sie mit Schimpf und Schande vertrieben aus Dithmarschen, denn sie hätte dank ihrer Hartherzigkeit das ganze Land in eine Steinwüste verwandelt.
So endete sie bettelnd in fernen Landen.
Die gute Schwester aber blühte auf und wurde die Frau von Bäcker Kalle, der sie mit all ihren Kindern bei sich aufnahm. Und so lebten sie redlich und glücklich. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann sitzen sie noch heute im Sommer in ihrem Garten und bewundern die gelben Blüten der Sonnenblumen.

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